Osama bin Laden
Pressemeldungen
Remscheider GA Politik 15.9.2001
Porträt: Osama bin Laden
Genf (dpa) - «Staatsfeind Nummer eins» oder «weltweit gefährlichster Terrorist»: Wann immer in der Welt spektakuläre Terroranschläge verübt werden, fällt automatisch der Name des saudi-arabischen Multimillionärs Osama bin Laden.
Das US-Bundeskriminalamt FBI führt den 44-Jährigen auf der Liste der zehn Meistgesuchten. Der frühere US-Präsident Bill Clinton nannte ihn «die größte Bedrohung für den Weltfrieden».
Obwohl die radikal-islamischen Taliban-Milizen wenige Stunden nach den beispiellosen Anschlägen jede eigene Verstrickung oder die bin Ladens abstritten, zeigen die ersten Finger von politischen Verantwortlichen in den USA wegen der Professionalität wieder in dessen Richtung.
Bin Laden gründete nach Erkenntnissen der Geheimdienste im Frühjahr 1998 ein internationales Terrornetzwerk und erklärte im Mai des selben Jahres seinen «heiligen Krieg». Die Plattform vereint Terror-Gruppen aus Afghanistan, Algerien, Bangladesch, Pakistan und Kaschmir. Zum engsten Führungszirkel gehören nach den Geheimdiensterkenntnissen auch die führenden extremistischen Köpfe der ägyptischen Terror-Organisationen «Gamaat Islamija» (Islamische Vereinigung» und «Dschihad» (Heiliger Krieg).
Zwar erklärten die Taliban bin Laden am 13. Februar 1999 als «verschwunden», aber wenig später machte dieser in einem Interview in Afghanistan alle US-Amerikaner zum Feind und Ziel. Der Schlange müsse der Kopf abgeschlagen werden, lautet eine seiner gängigen Formulierungen.
Drei Gründe führt der selbst ernannte Kreuzzügler gegen Christen und Juden an: die Präsenz US-amerikanischer Truppen in Saudi-Arabien, die Besetzung Jerusalems durch Israel sowie die US-Politik in der arabischen Welt. Und erst vor drei Wochen soll er nach israelischen Medienberichten mit einem beispiellosen Angriff auf die USA wegen ihrer Unterstützung Israels gedroht haben.
Der 1,93 Meter große und hagere bin Laden gilt als besonders schillernde Figur im internationalen Terrorismus. Zu keinem der Anschläge, die ihm zur Last gelegt werden, hat er sich bekannt. Das Sündenregister, das seine Fahnder aufstellten, wurde in den vergangenen Jahren immer länger. Schon 1993 soll er bei dem Anschlag auf das World Trade Center in New York indirekt beteiligt gewesen sein. Bin Laden wird hinter dem Attentatsversuch auf Ägyptens Staatschef Husni Mubarak von 1995 ebenso vermutet wie hinter dem Anschlag von Luxor vom November 1997. Damals kamen 58 Ausländer ums Leben. 1995 und 1996 starben 24 US-Soldaten in Saudi-Arabien. Auch diese beiden Attentate sollen die Handschrift bin Ladens tragen.
Die US-Regierung ist sich sicher, dass bin Ladens Terrornetzwerk auch die Anschläge vom 7. August 1998 auf die US-Botschaften in Nairobi und Daressalam verübte, bei denen 224 Menschen getötet und mehr als 4 500 verletzt wurden.
Auch der Anschlag auf das US- Kriegsschiff «US-Cole» vom Oktober 2000 im südjemenitischen Aden soll auf sein Konto gehen. Dabei kamen 17 US-Soldaten ums Leben.
Bin Laden entstammt einer Familie mit südjemenitischen Wurzeln. Diese machte während des Baubooms in Saudi-Arabien ein Vermögen. Das Eigentum des Clans, der bin Laden als Abtrünnigen verstoßen hat, wird auf 38 Milliarden US-Dollar (84 Milliarden Mark) geschätzt. Er selbst soll über eine Portokasse von 300 Millionen Dollar (660 Millionen Mark) verfügen.
Bin Laden begann 1979 nach dem Einmarsch sowjetischer Truppen in Afghanistan mit der Rekrutierung arabischer Freiwilliger. Von 1991 bis 1996 lebte er im Sudan, das er nach dem Attentatsversuch auf Mubarak verlassen musste. Danach tauchte er mit seinen vier Frauen und mehreren Kindern in Afghanistan unter.
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Hintergrund:
Das Netzwerk von Osama bin Laden
Kairo (dpa) - Die islamisch-fundamentalistische Terrororganisation «Al Qaida» (Die Basis) wird dem saudischen Multimillionär und Hauptverdächtigen der US-Ermittler, Osama bin Laden, zugeschrieben. Die in Afghanistan beheimatete Gruppe, die seit 1989 existiert, und ihre Schwesterorganisationen haben nach Schätzungen westlicher Geheimdienste weltweit bis zu 5000 Anhänger.
Gegründet wurde «Al Qaida» nach FBI-Informationen von Osama bin Laden, Abu Hafs el Masri, Abu Ubaida el Banshiri und Veteranen des Afghanistan-Krieges.
1998 gab bin Laden zudem die Gründung einer Dachorganisation mit dem Namen «Internationale islamische Front für den Heiligen Krieg gegen Juden und Kreuzritter» bekannt. Dieser Organisation schlossen sich Teile der beiden ägyptischen Terrorgruppen «Gamaat Islamija» (Islamische Vereinigung) und «Dschihad» (Heiliger Krieg) sowie mehrere pakistanische Fundamentalistenführer an. Die «Gamaat Islamija» wird mit dem Massaker von Luxor 1997 in Verbindung gebracht, bei dem 58 Touristen getötet wurden.
In den 90er Jahren unterhielt bin Laden außerdem enge Beziehungen zur sudanesischen Regierung, die ihm und seinen Anhängern jahrelang Unterschlupf gewährte. Ihm werden außerdem enge Beziehungen zu Iran und der Hisbollah-Miliz im Libanon nachgesagt. Der irakische Staatschef Saddam Hussein soll nach unbestätigten Berichten 1998 versucht haben, eine Kooperation mit bin Laden aufzubauen.
Gründungsmitglieder der «Al Qaida» sind vor allem «arabische Afghanen». Das sind moslemische Kämpfer aus dem Nahen Osten, die den Mudschahedin (Gotteskriegern) in Afghanistan in den 80er Jahren bei ihrem Kampf gegen die sowjetische Besatzungsmacht geholfen hatten. Bin Laden soll sie in eigenen Trainingslagern ausgebildet haben. Aus dieser Zeit stammt auch die enge Beziehung bin Ladens zu den radikal- islamischen afghanischen Taliban. Die afghanische Opposition wirft den USA vor, sie hätten die fundamentalistischen Mudschahedin in Afghanistan damals wegen ihres Kampfes gegen die Sowjets unterstützt und somit bin Laden und die Taliban erst groß werden lassen.
Bin Laden hat die Moslems in aller Welt wiederholt zum bewaffneten Kampf gegen die USA aufgerufen. Sein Hass auf die Vereinigten Staaten begründet er vor allem mit der militärischen Präsenz der US-Truppen auf der Arabischen Halbinsel, ihrer Unterstützung für Israel sowie dem Engagement beim zweiten Golfkrieg.
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Stuttgarter Nachrichten Politik 15.9.2001
"Bin Laden plant neuen Anschlag''
Antoine Basbous
Der 48-Jährige ist Direktor des Observatoriums der arabischen Staaten. Er ist sich sicher, dass Osama bin Laden einen zweiten Terrorschlag plant.
Sehen Sie die Terroranschläge in einem Zusammenhang mit dem israelisch-palästinensischen Konflikt?
Nein. Seit langem hat bin Laden Christen und Juden den Krieg erklärt. Sein Hass wird zusätzlich von den Millionen Opfern des Golfkriegs im Irak genährt.
Präsident George W. Bush kündigt einen "monumentalen Kampf der Guten gegen die Bösen'' an.
Bush heizt das Klima an, er will der Interpret des Zorns seines Volkes sein, er bereitet die Öffentlichkeit auf eine kolossale Reaktion vor.
Sollten auch die Staaten, die den Terroristen Unterschlupf gewährten, gebrandmarkt werden?
Sie sind in diesem Falle Komplizen. Die USA haben eine Liste, wo sie Nordkorea, Irak und Syrien aufführen. Vor allem ist heute Afghanistan als Aufmarschbasis von bin Laden in den Terror verwickelt.
Frankreichs Premierminister Lionel Jospin warnt davor, nicht einen Krieg gegen den Islam zu führen, sondern gegen den Terrorismus.
Jospin hat Recht. Ich kann niemanden ausmachen, der dem Islam den Krieg erklären würde. Dafür aber den hasserfüllten Islamisten.
Besteht die Gefahr, dass jetzt alle Muslime verdächtigt und verfolgt werden?
Ich appelliere an die Sicherheitsbehörden, die Nachrichtendienste und die Menschen, zu erkennen, dass nicht alle Islamisten Terroristen sind. Es wäre schlimm, wenn in diesen Kreisen der Unschuldigen enorme Razzien organisiert würden.
Wenn Afghanistan, Pakistan und der Irak eine Rolle bei den Anschlägen gespielt haben, müssen sie dann entschlossen bestraft werden?
Ja, ohne Zweifel.
Ist bin Laden der einzige Hauptverdächtige?
Ich war der Erste, der ihn verdächtigt hat, der Hauptdrahtzieher des Terrors zu sein. Er ist der wichtigste und einflussreichste Repräsentant der islamischen Bedrohung gegen den Westen - wegen seiner Doktrin, wegen seiner enormen finanziellen und materiellen Mittel, wegen der großen Anzahl der Mitkämpfer und wegen der Fähigkeit, sich der heutigen Technologie zu bedienen. Ich bin sicher, dass er einen zweiten Terrorschlag plant und versuchen wird, ihn durchzuführen.
Fragen: Lutz Hermann, Paris
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Basler Zeitung Politik 15.9.2001
Das weit verzweigte Netzwerk des Osama bin Laden
Erschienen am: 14.09.2001
Osama bin Laden, der nun im Visier der USA steht, war während des Kriegs der Sowjets in Afghanistan von niemand anderem als von den USA finanziert worden. Viele Mitglieder seines heutigen Netzwerks gehörten zu jenen Tausenden von «arabischen Afghanen», die an der Seite bin Ladens in Afghanistan gegen die Sowjets gekämpft hatten.
Amerika befindet sich im Krieg. Doch anders als beim Angriff auf Pearl Harbor ist der Feind fast so etwas wie ein grosser Unbekannter. Er ist kein Staat, der eine Armee schickt. Amerika ist attackiert von einer diffusen Bewegung. Sie wird von Leuten organisiert, die man islamische Fundamentalisten, Islamisten, Terroristen nennt.
Der Terrorismus, von dem die USA getroffen wurden, hat seinen Ursprung im Nahen Osten. Sein Anfang geht auf die Neuordnung der Region nach dem Untergang des Osmanischen Reiches 1918 zurück. Palästinensische Araber wehrten sich gegen die von der britischen Mandatsmacht geförderte jüdische Einwanderung. Es kam zu einem Aufstand der Palästinenser (1936 bis 1939). Juden wehrten sich gegen die britische Besatzung. Sie sprengten 1947 das Jerusalemer King David Hotel in die Luft.
Juden vertrieben Araber, im Dorf Deir Jassin töteten sie 1948 100 Männer, Frauen und Kinder.
Araber, organisiert in der «Palästinensischen Befreiungsfront» (PLO), entführten Flugzeuge, liessen die Passagiere frei und zerstörten die Maschinen (1970).
Terrorismus im Nahen Osten hat heute ein und dasselbe Motiv: Kampf gegen Israel. Der Terrorismus - von seinen Trägern als Waffe eines Volkes bezeichnet, das keine Armee besitzt - hat von seinen Anfängen bis heute die politische Couleur gewechselt. Er begann als Form des arabischen Nationalismus, angereichert mit sozialistischen und marxistischen Ideen. Unter seinen Initiatoren waren neben dem Muslim Yassir Arafat zwei Christen - George Habash und Nayef Hawatmeh. Einen islamisch-fundamentalistischen Anstrich hatte dieser Terrorismus nicht.
Die grosse Wende kam mit dem Machtantritt Ayatollah Khomeinis im Iran im Jahre 1979. Es dauerte nicht lange - und schon hatte der nahöstliche Kampf gegen Israel ein islamisches Gesicht. Plötzlich gab es eine «Partei Gottes», die Hizbollah. Diese Partei ist ein Kind der israelischen Libanoninvasion von 1982. Als sich die Israelis 1983 zurückzogen, im Süden des Landes aber eine so genannte Sicherheitszone besetzt behielten, hatten sie es plötzlich mit Partisanenkämpfern der Hizbollah zu tun. Als im Dezember 1987 in Gaza die erste palästinensische Intifada ausbrach, hatte Israel wieder einen neuen Gegner. Er nannte sich «Islamische Widerstandsbewegung», abgekürzt Hamas.
Erfolg dank materieller Hilfe
Hamas ist ein Zögling der Muslimbrüder, die 1928 in Ägypten gegründet wurden und sich schnell in der arabischen Welt ausbreiteten. Scheich Ahmed Yassin, Gründer der Hamas, ist eine typische Figur des zeitgenössischen islamischen Widerstandes: Im Alter von 12 Jahren flüchtete er mit seinen Eltern vor den Israelis nach Gaza, schloss sich dort den Muslimbrüdern an und gründete zu Beginn der ersten Intifada die Hamas. Je grösser die Misserfolge Arafats auf dem Verhandlungstisch waren, desto grösser wurde der Zulauf zur Hamas.
Hamas und Hizbollah sind derzeit schon deshalb nicht zu stoppen, weil sie, aus durchaus eigennützigen Motiven, vielen Menschen auch materielle Hilfe angedeihen lassen. Hamas, Hizbollah, und die in Damaskus ansässigen, weltlich ausgerichteten Organisationen von Habash und Hawatmeh sowie Arafats Fatah-Organisation arbeiten in der Intifada-Führung zusammen. Eine zusammenhängende, stringente Organisation bilden sie nicht. Nach derzeitigem Kenntnisstand haben sie mit dem Terroranschlag auf Washington und New York nichts zu tun. Freilich gaben sie gute Vorbilder ab für den Mann, der auf den Fahndungslisten Amerikas und Europas an erster Stelle steht - für Osama bin Laden.
Dieser Zögling einer saudischen Mutter und eines jemenitischen Vaters wurde zunächst von niemand anderem als den USA finanziert. Sie brauchten ihn und seine Verbindungen für ihren Kampf gegen die Sowjets in Afghanistan. Dass Osama bin Laden Bürger eines Landes war, das neben den späteren Taliban die strikteste Variante eines fundamentalistischen Islam vertrat und darüber hinaus ein straff autoritäres Regime installiert hatte, störte die USA nicht. Schliesslich gehört das fundamentalistische saudische Königreich wegen seiner Ölreserven zu den engsten Verbündeten der USA.
Osama bin Laden nutzt bis heute seine saudischen und vor allem jemenitischen Verbindungen. Der Anschlag auf das US-Kriegsschiff «Cole» im Hafen von Aden im Oktober 2000 war mit grosser Sicherheit ein Werk bin Ladens und seiner saudischen und jemenitischen Verbindungsmänner.
Viele Mitglieder dieses Netzwerkes gehören zu jenen Tausenden von «arabischen Afghanen», die an der Seite bin Ladens in Afghanistan gegen die Sowjets kämpften. Im jemenitischen Bürgerkrieg von 1994 stritten diese Fundamentalisten auf Seite der Nordarmee gegen den ehemals kommunistischen Süden.
Guter Draht nach Jemen
Amerikanischen Geheimdienstinformationen nach metzelten die Gotteskrieger aus dem Norden so gut wie unbemerkt von der Weltöffentlichkeit etwa 10 000 Jemeniten aus dem Süden nieder. Noch heute stützt sich Präsident Abdallah Saleh auf die gottesfürchtigen Stämme des Nordens, auf fundamentalistische Scheichs und auf alte Afghanistankämpfer. Die waren offenbar auch am Anschlag auf die «Cole» beteiligt. Bis in höchste Kreise Jemens hat bin Laden seine Verbindungen:
zum Halbbruder des Präsidenten, General Ali Mohsen al-Ahmar, und zum fundamentalistischen Scheich Abdel Meguid al-Zindani. General Mohsen hat einst für bin Laden Jemeniten rekrutiert, die gegen Moskau in Afghanistan kämpften. Zudem gilt Mohsen im Jemen als Quartiermacher jener «Islamischen Armee Aden-Abyan», welche im Dezember 1998 im Südjemen 16 Touristen entführte.
Ein weiterer Verbündeter im jemenitischen Netzwerk bin Ladens dürfte Scheich Zindani sein.
Zindani gilt als extrem antiamerikanisch und pflegt eine strikte Auslegung des Koran. Von ihm stammt eine Fatwa, eine islamische Handlungsanweisung, wonach der einst kommunistische Süden mit allen Mitteln zur Raison gebracht werden müsse - auch mit Gewalt.
Ausbildungsstätte Koranschule
Der fundamentalistische Islam Saudi-Arabiens und des Jemen sind nach Afghanistan exportiert worden.
Der ursprünglich dort praktizierte Islam gilt als tolerant - gegenüber anderen Muslimen, anderen Religionen und auch gegenüber westlichem Lebensstil. Die meisten Taliban sind in den Flüchtlingslagern Pakistans gross geworden. Sie haben keine andere Ausbildung als jene, die in der Medresse, in der Koranschule, geboten wird. Sie haben keine Kenntnis von der Aussenwelt. Sie sind das wirtschaftliche und kulturelle Proletariat des Landes - und damit eine leichte Beute für islamistische Ideologen. Der Talibankenner Ahmed Raschid kommt zu dem Schluss, dass die Taliban «das Konzept der Kultur» verneinten. Kein Wunder, dass solche Leute in ihrer Simplizität eine komplexe Gesellschaft wie die westliche nicht verstehen, für gottlos halten und hassen. Der saudische Fundamentalist Osama bin Laden und die afghanischen Koranschüler ergänzen sich trefflich.
Amerika hat in dem islamischen Fundamentalismus, der erstmals 1979 mit Ayatollah Khomeini den Westen erschreckte, ein neues «Reich des Bösen» (Ronald Reagan) gesehen. Erst unter der Regierung von George Bush änderte sich diese Haltung. Im Juni 1992, 13 Jahre nach der iranischen Revolution, erklärte der Unterstaatssekretär für nahöstliche Fragen, Edward P. Djerejian, den Islam für eine der «grossen zivilisierenden Kräfte», welche «unsere Kultur beeinflusst und bereichert» hätten. Amerika betrachte den Islam nicht als eine neue, den Westen bedrohende Ideologie. Diese versöhnliche Stellungnahme kam ein paar Jahre vor Samuel Huntingtons These, wonach der Islam «blutige Grenzen» habe.
Unauflösbarer Gegensatz
Die Botschaft von der Kultur schaffenden Kraft des Islam stiess im Nahen Osten, dem Ursprung des gegenwärtigen Terrors, auf taube Ohren. Nach Ansicht der arabischen Muslime setzte Amerika weiterhin bedingungslos auf Israel. Eine Verbeugung vor dem Islam, verbunden mit einer rigorosen Förderung Israels Ñ das war und und bleibt für die arabische Welt ein nicht auflösbarer Gegensatz.
Osama bin Laden ist auch ein Produkt dieser widersprüchlichen Politik. Doch die Palästinenser spielen in dem blutigen Kreuzzug gegen sein «Reich des Bösen», gegen Amerika, wohl nur eine untergeordnete Rolle. Er will den Satan im Westen treffen - und wird damit nur neues Unheil über Afghanistan und auch den Nahen Osten bringen.
Von Heiko Flottau, Kairo
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Poster mit Osama bin
Laden, das auf einem Markt in Pakistan verkauft wurde. Der Anschlag auf den Zerstörer «USS-Cole» im Hafen von Aden im Herbst 2000 geht mit grosser Sicherheit auf bin Laden zurück. Steckt er auch hinter den jüngsten Anschlägen in den USA? Foto Keystone
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Lippische Landes-Zeitung Lokales 15.9.2001
"Mit Bin-Laden habe ich nichts zu tun"
VON UNSEREM KORRESPONDENTEN MARKUS GÜNTHER
New York. Sami Merhi lebt seit 27 Jahren in New York. "Als ich die Bilder vom World Trade Center sah", erzählt der gebürtige Libanese, "da hatte ich nur einen Gedanken:
Hoffentlich waren die Täter keine Moslems." Sami Merhi ahnte sofort, dass das Leben für ihn und die 3,5 Milionen amerikanischen Moslems schwieriger würde, sollte sich herausstellen, dass islamische Fundamentalisten für die Anschläge verantwortlich sind.
Seither hat sich beides bestätigt, der Verdacht, dass islamische Terroristen hinter den Anschlägen stehen, und die Sorge, dass sich der Zorn der Amerikaner auch gegen die moslemischen Mitbürger richten könnte. Mehr als 500 Übergriffe auf Moslems sind in den USA in den letzten Tagen registriert worden. In vielen Fällen wurden Moslems beschimpft und geschlagen, auf mehrere Moscheen im Land wurden Brandanschläge verübt, die Fensterscheiben von arabischen Geschäften wurden eingeschlagen.
Bislang gingen die meisten Übergriffe glimpflich aus. Doch manche Moslems fürchten um ihr Leben. Hassan Awdah etwa, der vor Jahrzehnten aus dem Jemen in die USA kam und längst amerikanischer Staatsbürger ist, kam am Mittwoch in Gary im Bundesstaat Indiana nur knapp mit dem Leben davon. Ein maskierter Mann feuerte 21 Schüsse aus einer automatischen Waffe auf den Tankstellenschalter, in dem Hassan Awdah im Nachtdienst saß. Nur der Umstand, dass die Scheiben aus kugelsicherem Glas waren, rettete ihn.
Die meisten Übergriffe sind unterdessen harmloser, doch für die amerikanischen Moslems beängstigend genug. In Bridgeview (Illinois) demonstrierten 100 meist junge Leute vor der Moschee und riefen "Moslems raus!". Für Rafeeq Jaber, vom Vorstand der moslemischen Gemeinde, eine verstörende Erfahrung: "Viele, die hier zum Freitagsgebet kommen, haben schon in den USA gelebt, als diese Demonstranten noch gar nicht geboren waren."
Die Mehrzahl der Übergriffe ereignet sich in New York, wo hunderttausende von Einwanderern aus arabischen Staaten und dem mittleren Osten leben. Die Führer der "Arab-American Community" haben ihre Mitglieder inzwischen zu besonderer Vorsicht aufgerufen. Vor allem Frauen mit traditionellen islamischen Schleiern und Gewändern sollten in den nächsten Tagen öffentliche Plätze meiden und besser daheim bleiben. Prominente Moslems wie James Zogby vom "Arab American Institute" stehen unter besonderem Polizeischutz. "Ich habe Hunderte von Morddrohungen erhalten", berichtet Zogby.
Der Bürgermeister von New York, Rudy Giuliani, und führende amerikanische Politiker haben inzwischen angekündigt, dass jeder Übergriff auf moslemische Mitbürger bestraft wird. "New York ist die Stadt der Toleranz, und sie wird es bleiben", unterstrich Giuliani.
Auch George Bush sen., der frühere Präsident, rief die Amerikaner zu Ruhe und Toleranz auf. "Es darf nicht sein, dass sich unser Zorn gegen unschuldige moslemische Mitbürger richtet. Die Moslems in unserem Land glauben wie Juden und Christen an einen liebevollen Gott und haben mit den Terroristen nichts zu tun", betonte der Präsident.
Dennoch begegnen viele New Yorker nun denen mit Misstrauen, die moslemisch aussehen. Im Lokalfernsehen von New York beispielsweise berichteten zwei zehnjährige moslemische Jungen aus Brooklyn, wie sie von ihren Mitschülern geschlagen worden sind. "Aber ich habe mit diesem Bin-Laden nichts zu tun, ehrlich nicht", sagte der eine von ihnen. "Ich bin ein guter Junge."
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Hamburger Morgenpost Vermischtes 14.9.2001
Das verkannte Gesicht des Islam
Der Westen und die Vorurteile gegen Moslems
- Gläubige weltweit in Angst vor Rache-Akten
- Gelehrter: Selbstmordanschläge sind unislamisch
Wenn im Westen vom Islam berichtet wird, fallen zumeist die bekannten Floskeln: Da ist von der Scharia die Rede, der islamischen Rechtslehre, die zum Beispiel Handamputationen für Diebe vorschreibt.
Da ist vom Dschihad die Rede, was stets (unrichtig) mit Heiligem Krieg übersetzt wird, aber eigentlich "Anstrengen für die Sache Gottes" bedeutet und eine ganz allgemeine Auslegung zulässt. Es fällt der Begriff Fatwa, dem todbringenden Bann, der einst vom Iran gegen den Autor Salman Rushdie verhängt wurde. Und:
Der Islam wird mit dem Märtyrertum, den Selbstmordanschlägen, in Verbindung gebracht, jenen kriminellen Tötungsaktionen, die gegenwärtig für eine regelrechte Hasskampagne gegen Moslems verantwortlich sind: So versuchten in Chicago 300 Personen ein Moschee zu stürmen. In Texas wurden die Fenster einer Moschee von Schüssen getroffen. In Kanada wurden Kinder mit arabisch klingenden Namen beleidigt und ein Brandsatz auf eine Moschee geworfen.
Moslems weltweit - auch in Deutschland (siehe unten) - leben in Angst vor dem "Crash der Kulturen". Dabei ist der Islam eine äußerst friedliche, in ihrem Ursprung sogar zutiefst tolerante Religion. Als im katholisch beherrschten Europa des 15. Jahrhunderts die Scheiterhaufen ganze Heerscharen angeblicher Ketzer und Hexen verschlangen, lebten im Spanien unter den moslemischen Mauren Juden und Christen in friedlicher und produktiver Eintracht: Von ihren architektonischen, medizinischen, kartographischen Leistungen profitierte die ganze Welt. Doch der Blick braucht nicht so weit zurückzuschweifen: Der überwiegende Teil der Islamgelehrten unserer Tage vertritt ebenso einen toleranten, weltoffenen, sogar emanzipatorischen Islam.
"Jede Selbsttötung ist vom Islam strikt verboten. Somit handelt jeder gegen die islamische Lehre, der sich inmitten seiner Feinde in die Luft sprengt", sagt Scheich Abdulasis el Scheik, einflussreicher Großmufti von Saudi-Arabien und Hüter der heiligen Stätten Mekka und Medina. Mohammed Sajjid Tantawi, Großscheich der einflussreichen Kairoer Azhar-Universität, rechnet mit weiteren Klischees ab: "Eines der edelsten Prinzipien des Islam lautet: Niemand darf zur Religion gezwungen werden." Und: "Die Frau hat das gleiche Recht wie der Mann, einen Beruf auszuüben." Ebenso sei die Beschneidung von Mädchen "eine historisch ererbte Tradition, die mit dem Islam nicht in Verbindung gebracht werden kann und darf."
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Schwäbische Zeitung Lokales 15.9.2001
Vortrag über Terrorismus„Es gibt sehr viel Grund, sehr besorgt zu sein, leider"
WILHELMSDORF (chl) - Hildegard Nagler und Uwe Jauß, beide Redakteure der Schwäbischen Zeitung, informierten über die geschichtliche Entwicklung des Terrorismus im Islam und gaben Reiseeindrücke von Afghanistan wieder. Die Veranstaltung mit UNICEF-Ravensburg fand in der Scheune Wilhelmsdorf statt.
„Geschockt durch den aktuellen Anlass", so die ersten Worte von Uwe Jauß, wurde der ursprünglich geplante Vortrag über die Kriegsführung in modernen Kriegsgebieten angepasst. Um verstehen zu können, was vor sich gehe, erklärte Jauß, müsse man die islamische Geschichte betrachten. Denn seit dem Versagen des arabischen Nationalismus fühle sich die arabische Welt als unterlegen und gedemütigt durch die Macht des Westens, vor allem durch die USA.
Dieser Hass werde verstärkt durch das ungelöste Palästinenserproblem. Die Meinung vieler Moslems sei, daß die Amerikaner nur Krieg gegen islamische Länder führten, siehe Irak, aber nicht islamischen Ländern, siehe Palästina, helfen würden.
Aufgewachsen mit diesem Gedankengut und oft ohne wirtschaftliche Zukunft, sei die Jugend anfällig für die radikalen Parolen der Terrororganisationen.
„Osama bin Laden", sagte Jauß, „ist ein ganz besonderer Fall". Schon in seiner Jugend sei er als religiöser Eiferer aufgefallen. 1979, als die Russen in Afghanistan einmarschierten, habe Osama bin Laden die Chance genutzt, seinen religiösen Krieg zu führen. Nach Abzug der Russen blieben Tausende von gutausgebildeten Gotteskriegern zurück, die in ihre jeweilige Heimat zurückkehrten und islamistische Freundeskreise bildeten. Im Winter 1998 schlossen sich verschiedene dieser radikalen Gruppen zur Internationalen Islamischen Front zum Kampf gegen Amerikaner und Juden zusammen. Bin Laden gelte als Schlüsselfigur dieser Vereinigung. „Schlüsselfigur", so Jauß, „bedeute Finanzier und Stichwortgeber". Er verfüge über ein Netzwerk des Terrors, nicht über ein Terrorregime. Vorteil dieses Netzwerkes sei, „dass nichts konkret greifbar ist". „Hoffnungsvoll kann man nicht sein.
Die Gefahr des großen Krieges, der nie stattfand, ist vorbei, aber die Gefahr von vielen kleinen Kriegen, die stattfinden, besteht."
Für seine Frau Hildegard Nagler ist Afghanistan ein „Land der großen Gegensätze". Afghanistan besitzt Smaragd- und Lapislazuliminen, in denen wie zu Urzeiten mit Hammer und Meißel gearbeitet werde. Das Land sei durchzogen von Flüchtligszügen. Nagler sah, wie die Menschen in einem Flüchtligslager vor Hunger Gras aßen. Die Männer seien gut genährt, die Frauen weniger gut und die Kinder am schlechtesten. „In Kabul dürfen Frauen nicht arbeiten." Dies, so Nagler, sei besonders schlimm, da viele Frauen durch den Krieg zu Witwen wurden und so in großer Armut leben. Hilfsorganisationen, die versuchten, den Frauen zu helfen, würden stark behindert werden.
Angesichts der aktuellen Ereignisse sei ihr ein Erlebnis besonders im Gedächtnis geblieben, sagte Nagler. Beim Besuch eines Gefangenenlagers voller Talibankrieger hatte sie die Möglichkeit, ein Interview mit einem der Krieger zu führen. Bei dem Krieger habe es sich um einen pakistanischen Religionsführer gehandelt. Auf die Frage, warum er kämpfe, erklärte er, dass von Afghanistan aus das islamische Weltreich errichtet werden solle. Womit dies erreicht werden soll? „Mit Terror". Aber ihre Mittel seien doch begrenzt? Seine Antwort hierauf:
„Sie werden sich noch wundern." Der hoffnungsvolle Gegensatz hierzu sei, sagte Nagler, „alle Kinder, die wir fragten, was ihr größter Wunsch sei, sagten Frieden". Die Fragen und Beiträge der Zuhörer in der gut besuchten Scheune waren zahlreich. Eine Zuhörerin meinte, bin Laden auszuschalten wäre, „wie wenn man der Hydra einen Kopf abschlägt".
Auf die Frage, ob Erdöl eine Rolle spiele, antwortete Jauß, „nicht im Terrorismus des Islams". Ein Zuhörer fragte, ob eine Chance bestehe, die Gewalt zu stoppen. Jauß antwortete: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich die Spirale der Gewalt nicht dreht. Denn wenn ein Land wie Amerika so provoziert wird, schlägt es zurück." Zum Abschluss sagte Jauß: „Es gibt sehr viel Grund, sehr besorgt zu sein.
Leider!" (Stand: Fr. 14.09.)
© Copyright by Schwäbische Zeitung Online,
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